Menschenbild und Ziele

Menschen jeglichen Alters kann es zu jeglicher Zeit widerfahren, daß sie in seelische Not geraten, daß sie Hilfe, Begleitung, Beratung, Psychotherapie suchen.

Beratende, therapeutische Arbeit am und mit Menschen will unterstützend begleiten, damit der Mensch auf seinem WEG wieder "Tritt fassen" kann, Orientierung findet, sein Leben wieder eigenständig führen kann - damit er der sein kann, der er als Person zutiefst ist.

C. G. Jung nannte diesen Prozeß der Personwerdung die "Individuation". Dabei kann Individuation - zumeist in Verbindung mit einer entsprechenden Initiation - als "Zielbildlichkeit" menschlicher Personwerdung verstanden werden.

M. Hippius-Gräfin Dürckheim: "Das Ziel der Individuation scheint uns immer mehr dies zu sein: daß es um MENSCHWERDUNG in einem umfassenden Sinne geht und um das Mit-Austragen eines neuen Äon für jeden Einzelnen, in dessen Medium sich der Mensch unwillkürlich auch in einer Beauftragung für das Heil des Ganzen in unendlicher Entwicklung am Werke mit Tod und Teufel, Kampf und Sieg eng verbunden sieht."

Jede Weise der Arbeit am Menschen, sei sie medizinischer, pädagogischer, psychologischer oder seelenheilkundlicher Art, wird sich und anderen Rechenschaft darüber abgeben wollen, woraufhin ihr Wirken zielen möchte; unterschiedlich in bezug auf den "Gegenstand" werden auch die Aspekte hinsichtlich der "Vollendung" desselben voneinander differieren.

Die Beseitigung von Erkrankungen des Körpers und die Wiederherstellung der Gesundheit im funktionalen Sinne sind mögliche Resultate eines "erfolgreichen" medizinischen Wirkens, insoweit etwa durch eine Verletzung die Funktionsstörung einer Gliedmaße offensichtlich ist. Heilung kann hier verstanden werden als die Genesung des Körpers, dessen Regenerations-Kräfte eine Restitution seiner Unversehrtheit ermöglichten. "Gesund" ist der Mensch, wenn es gelungen ist, die Verletzung zu heilen und die vormalige körperliche Funktionstüchtigkeit wiederzugewinnen.

In analoger Weise mag sich ein psychologisch-psychotherapeutisch begründetes Arbeiten am Menschen skizzieren lassen, das sich auf die Beseitigung von Störungen im seelischen Gefüge konzentriert. Es ist in unseren Tagen nicht schwer, zahlreiche Symptome eines aus den Fugen geratenen psychischen Lebens auszumachen; je nach psychologischer Schulrichtung kann sich psychotherapeutisches Bemühen z. B. auf ein Verstehen-Lernen der Symptom-Ursachen beziehen, um durch Aufdeckung der zugrundeliegenden Zusammenhänge zur Auflösung der Störungen zu gelangen; eine andere Herangehensweise ist die in lerntheoretischen Konzepten begründete Behandlung eines als problematisch erlebten Verhaltens bzw. Empfindens, wie sie etwa in der Verhaltenstherapie praktiziert wird.

Wie aber ist zu verstehen, daß heute immer mehr Menschen am "Leben im allgemeinen" kranken? Nicht mehr sind es nur einzelne Symptome, unter denen sie leiden und durch die sie ihren Lebens-Verlauf behindert fühlen; vielmehr empfinden sie sich im Ganzen als nicht mehr in der rechten Ordnung, nicht mehr in Übereinstimmung mit sich selbst. Oftmals erscheint in der äußeren Gestalt ihres Daseins sogar alles zum besten bestellt, nach innen hin und von innen her aber ist ein nicht mehr überhörbares Drängen zu vernehmen, daß sich in ihrem Leben grundsätzlich etwas ändern müsse. Dabei ist ihr Anliegen nicht auf die Beseitigung spezifischer Verhaltensstörungen oder die Behebung von Defiziten in ihrer funktionalen Lebensführung beschränkt. Darüber hinausgehend ersehnen sie, sich in einer uneingeschränkten Einheits- und Ganzheitsgewißheit verankert spüren zu dürfen, wie sie ihnen vielleicht aus früheren Lebensmomenten erinnerbar ist (Dürckheim spricht von "Seinsfühlung" bzw. "Seinserfahrung") oder wie sie ihnen mehr ahnungsweise darin vertraut geworden ist, daß ihr Fehlen zur Quelle des Leidens wurde.

Es wird deutlich, wie unterschiedlich die jeweiligen Perspektiven sind, aus denen heraus der Mensch bzw. das Bild vom Menschen betrachtet werden und die bestimmend sind für das therapeutische Arbeiten: Im symptom-orientierten Kontext werden Störungen des gewohnten Lebens-Ablaufs als mehr oder minder gravierende Behinderungen angesehen, die es aus dem Weg einer rein pragmatischen Daseinsgestaltung zu räumen gilt. Der Mensch ist seelisch gesund, wenn er sowohl in der Selbst- wie auch in der Fremdwahrnehmung durch andere in der Lage erscheint, sein Leben selbstverantwortlich zu führen, den seinem Alter entsprechenden Entwicklungsaufgaben nachzukommen und seine persönlichen Bedürfnisse in befriedigender Weise zu erfüllen.

Anders hingegen zeigt sich der Hintergrund eines seelenheil-kundlichen Arbeitens am Menschen, wie es beispielsweise in der Initiatischen Therapie praktiziert wird: Hier werden "Behinderungen", "Kerbungen" oder auch "Einschläge" innerhalb der normalitätsangepaßten Daseinswirklichkeit primär verstanden als Verweise auf eine notwendig gewordene ganzheitliche Wandlung des Menschen, als heilsame AufRüttelungen einer drängenden Kraft, die über eine vordergründige Alltagsoberflächlichkeit hinausverweisen und in eine Vertiefung und Intensivierung des Lebens-Ganzen im Sinne eines eigentlichen WEG-Charakters einpflichten will. Indem der so gemeinte Mensch diesem Ruf folgt, kann er zu jener Voll-Gültigkeit seines DASEINs gelangen, in welchem sein welt- und lebensgestaltendes Wirken durchdrungen ist von einer Verbundenheit mit einem absoluten SEIN. Die der Initiatischen Therapie zugrundeliegende Anthropologie hat also eine eindeutig metaphysische Komponente: Es ist der Mensch, der sich dazu aufgerufen weiß, inmitten seines irdischen Lebens sich seines himmlischen Ursprungs eingedenk zu bleiben (Dürckheim), die Gegensätzlichkeiten seiner personalen Existenz einmünden zu lassen in eine transpersonale Verankerung. Diese darf nicht als nivellierende Auf-Lösung oder elitäre Welt-Flucht mißverstanden, sondern als Frucht eines nicht selten spannungsgeladenen Austragens jener Bedingtheiten anerkannt werden, unter denen leidend der Mensch nach der tieferen Ein-Lösung fragt.

Wer sich auf den WEG macht, erfährt mitunter, mit unausweichlicher Vehemenz in ausgerechnet solche Erlebensqualitäten seines Lebens "hineingeschickt" zu werden, vor denen "endlich Ruhe zu haben" er durch den Beginn der WEG-Übung erhofft hatte. Jetzt nicht dem Mißverständnis eines angeblich in die falsche Richtung tendierenden Werde-Prozesses zu erliegen, sondern vertrauensvoll weiterzugehen, kann erfahren lassen, daß vielfach gerade im Mittelpunkt des vormals noch gefürchteten Spannungsfeldes eine unumstößliche Festigkeit und die bergende Sicherheit einer absoluten Stille geschenkt sind. Um im Stufengang dieses Prozesses zur rechten Schrittfolge heranzureifen, bedarf es oftmals eines dialog-kundigen Geleites, wie es z. B. in der Initiatischen Therapie aufzufinden ist.

Mit anderen Worten: Der an einem spannungsverdichteten Abschnitt seines Lebensweges angelangte, unter den "Symptomen" seiner individuellen Unzulänglichkeiten leidende Mensch gilt im Kontext der Initiatischen Therapie nicht als "krank" oder "behandlungsbedürftig", sondern als von seiner persönlichen Schicksals-Kraft her aufgefordert, im integrierenden Durchschreiten der vielleicht auch angstmachenden (vgl. lat. "angustus" = "eng") Engpässe zu einer Weite vorzudringen, die sich letztlich als innerster Punkt einer umfassenden Selbst-Stimmigkeit erweist. Diese erfahren zu dürfen, ist die Konvergenz eines durchgetragenen systematischen "Arbeitens an sich selbst" und zugleich gnadenhaftes Geschenk.

Dieser zeitweilig sehr mühevolle Weg bewahrt nicht vor der manchmaligen Versuchung, im scheinbar erleichternden Beiseite-Schaffen-Wollen auftauchender Unannehmlichkeiten das Heil zu suchen. Für den initiatisch "gezündeten" Menschen jedoch liegt in den ihm auf seinem WEG begegnenden Qualitäten immer auch die Berührung eines ihn meinenden größeren Ganzen, das er schon lange als sein eigentliches Mensch-Sein sehnend sucht.

Die Initiatische Therapie und die ihr zugrundeliegende metaphysische Anthropologie haben ihren Ursprung und ihre Manifestation in der "Existential-psychologischen Bildungs- und Begegnungsstätte Todtmoos-Rütte" - 1951 begründet und über 40 Jahre geleitet von Karlfried Graf Dürckheim (1896-1988) und Maria Hippius-Gräfin Dürckheim (1909-2003). Hier liegt die Keimzelle für das weitverzweigte Wirkungsfeld eines Arbeitens am Menschen, dem das oben skizzierte anthropologische Bild zugehörig ist. In Rütte ist diejenige Epoche, die von der unmittelbaren Tätigkeit der beiden Gründer-Persönlichkeiten geprägt worden ist, vollendet.

Die Entschiedenheit aber, der überraumzeitlichen, auch für ein zukünftiges Menschentum relevanten Gültigkeit eines Wandlungs-Geschehens auf der Spur zu bleiben, das sich in je individuellen Signaturen zu verwirklichen sucht, erhält im Erbe des Ursprungs-Geistes und in der drängenden Kern-Kraft einer "Stirb-und-Werde"-Transformation in Gegenwart und Zukunft eine neue verbindliche Gestalt.

Dr. Dr. Josef Robrecht
Dipl.-Psychologe, Dipl.-Theologe
Psychol. Psychotherapeut, Supervisor
Lehrtherapeut, Selbsterfahrungsleiter
Psychoanalyse, Verhaltenstherapie,
Initiatische Therapie, Tiefenpsychologe
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