Initiatische Therapie

In meiner Arbeit als Initiatischer Therapeut weiß ich mich dem Werk und dem Vermächtnis der Begründer dieser Therapie, Maria Hippius-Gräfin Dürckheim und Karlfried Graf Dürckheim, verbunden. Um zu erläutern, was Initiatische Therapie meint, folgen nachstehend zunächst zwei kurze Zitate von Graf Dürckheim, sodann eine längere Erläuterung von Maria Hippius-Gräfin Dürckheim und schließlich ein Vortrag, den ich auf dem Kongreß zum 100. Geburtstag von Graf Dürckheim gehalten habe.
Dürckheim, Karlfried (1982): Der zielfreie Weg. Im Kraftfeld initiatischer Therapie, S. 11:
 
"'Initiatisch' kommt von 'initiare': das Tor zum Geheimen öffnen. - Was ist das Geheime? Das sind wir selbst in unserem tiefsten Kern, in unserem Selbst, in unserem Wesen.
Mit Wesen meinen wir hier die Weise, in der das überweltliche göttliche Sein in jedem Menschen in individueller Weise anwesend ist und in ihm und durch ihn hindurch manifest werden möchte in der Welt: in der Weise, die Welt wahrzunehmen, zu gestalten und zu lieben."
Dürckheim, Karlfried (1973): Psychotherapie in Selbstdarstellungen, S. 133:
 
"'Initiatisch' kommt von 'initiare': den Weg zum Geheimen öffnen. Dieses Geheime ist nichts anderes als die unserem Wesen immanente Transzendenz als eine erfahrbare Wirklichkeit. Ihr Bewußtwerden und ihre 'Auszeugung' ist Bestimmung des Menschen, dieser Bestimmung entsprechen zu können, ist sein 'Heil'. Diesem 'Heil'-Werden zu dienen, ist der Sinn meiner 'Therapie'. Denn heil wird der Mensch nur in dem Maße, als er den in ihm verborgenen Schatz finden und ihn, unabhängig von den ihn bedrohenden und ihn krankmachenden Bedingungen der Welt, hervorleuchten lassen kann."
Hippius, Maria (1966): Am Faden von Zeit und Ewigkeit. Zur Lebensgeschichte von Karlfried Graf Dürckheim, S. 25ff:
 
"Wie läßt sich konkret nun die Arbeit an? Wer findet nach Rütte, wen nehmen wir auf? Welches sind die Grundkategorien der uns vorschwebenden Weghilfe?
Aufgenommen wird, könnte man sagen, wer aus einer echten Existenznot heraus nach dem Wege fragt. Den 'Neurotiker' als feststehende psychologische Markierung kennen wir nicht. Weist sich einer aber beharrlich als ein solcher, dem Schulbegriff nach, aus, so fühlen wir uns in der Regel nicht mehr zuständig für ihn. Es wird ihm vorgeschlagen, in eine klassische Analyse zu gehen. Dagegen ist die neurotische Untermalung oder krisenhafte Zuspitzung eines um seine Wesensverwirklichung ringenden Menschen für uns zunächst eine natürliche und verständliche produktive Gegebenheit, ja die Chance zu einem 'mehr', dem Transgressus in eine höhere Seinswirklichkeit hinein. Es gibt echte Lebens- und Reifekrisen, die man als Krankheit zum Heilwerden im Sinn der Restitution des widerfahrenen Verlustes an Ganzheit auf höherer Ebene auffassen muß - obwohl sie am Abgrund vorbeiführen können und sich gewiß oft auch eine neurotische Symptomatik im schulmäßigen Sinn feststellen läßt. Für unsere Blickrichtung, Behandlung und Führung scheint diese aber nicht eigentlich das Maßgebliche zu sein und oft auch dem wahren Problem der betroffenen Person im Grunde nicht zu entsprechen. Nöte, wie sie sich bei inneren Verwandlungsprozessen erheben, a priori mit dem Stempel der 'Krankhaftigkeit' zu versehen, scheint uns als diagnostische Fixierung verhängnisvoll. Jede solche Abstempelung birgt die Gefahr, den seelisch-geistigen Lebensnerv und die Lebenserwartung des um Neuwerdung Ringenden abzudrosseln. (...)

G. R. Heyer spricht von einer Seelenheil-Kunde im Unterschied zu einer rational besicherten 'Seelen-Heilkunde'. Es trifft unsere Auffassung, diese beiden Begriffe getrennt zu halten. (...) Das Umbilden eines verbildeten, weil nicht zu seinem Wesenskern vorgestoßenen Menschen [ruft] nicht nach dem 'Seelentechniker', sondern für eine Wegweisung nach dem Seelenheil-Kundigen. (...) Die Seelenheil-Kunde sieht den Menschen (...) als einen a priori im all-einen Sein verwurzelten Weltenbürger und sein tiefstes Wesen als die jeweils individuelle Weise seines Begründetseins im göttlichen Urgrund an. In seinem Dasein ist er ursprünglich auf das ihm eingeborene, 'abwesend-anwesende Sein' hingespannt, - so, daß es bei allem Heilwerden um die Wiederherstellung und Neubelebung seines ihm immanent eigenen, nur bewußtseinsmäßig in Verlust geratenen Ganzheitsstatus geht.
(...) Die Weghilfe bestünde also in der Rückführung und Wiederverwurzelung des Menschen in seinen Wesensgrund und in der Bewußtmachung und Ausbildung eines größeren Subjektes in ihm, das seine Wiederganzwerdung nach der Aufspaltung als Möglichkeit und Notwendigkeit immer schon im Keime enthält. In diesem Sinn legt das Aufrufen, Entdeckenlassen und Bilden einer Tiefenperson den Plan unserer Arbeit fest.
(...) Bei der Anamnese werden daher besonders Berichte über Erlebnisse ernst genommen, die 'durchschlugen', zündeten, senkrecht die rational zweckmäßig angelegte Daseinswirklichkeit trafen. (...) Der noch Verunsicherte wird in seinem Wahrnehmungsvermögen für Ereignisse transzendenten Gehaltes geweckt und dazu ermutigt werden, sich auch bewußtseinsmäßig mehr und mehr auf das Erfassen eines höher dimensionierten Erlebnispotentials einzulassen. (...)
 
Eine solche erste Wesenfühlung bedeutet freilich nicht, daß im tiefenpsychologischen Sinne damit auch schon eine 'Bereinigung des Grundes' mitvollzogen ist. Um der höheren Dimension wirklich teilhaftig zu werden und ein in Wandlung Begriffener zu sein, muß es der Mensch mit seiner Schattenexistenz bis in letzte Seelentiefen aufnehmen und die unbekannte Seite seines Wesens, die identisch ist mit dem schöpferisch-chaotisch in ihm 'Waltenden', integrieren. Ob er solches auf dem Weg einer psychologischen Analyse tut (...) oder sich auf initiatischem Weg Tore der Selbsterprobung und -verwandlung erschließt oder dank Begnadung außergewöhnliche Stationen auf dem Lebensweg besteht und um Inneres wissen lernt, scheint unwichtig. Wichtig ist jedoch, daß er sich (...) aus der Umklammerung der Ratiofixiertheit löst.
(...) Wo einer sich regelmäßig einem exercitium ad integrum unterzieht, wächst er in ein in der Wesenstiefe erwachtes, seinshaftes Selbstwertgefühl hinein.
(...) Man darf immer erwarten, daß beim Abbau und der Bewußtmachung der eingegangenen Fehlformen gleichzeitig Anderes und Neues aus dem Hintergrund auftaucht und die Kreativität und Formkraft des Grundes lebendig wird. (...) Die Leere, die durch einen Verlust oder Mangel entsteht, ist dort, wo sie 'unbedingt' angenommen ist, gleichzeitig die Chance zu einem Verwandlungssprung in die Verwesentlichung und neuerliche Produktivität hinein.
(...) Nur insofern ein Mensch mit dem Gesetz seines Wesens rückverbunden und auch im Leibe wiederverwurzelt ist, kann er seine Verwandlung, die Wandlung seiner Beschränktheit und Verlorenheit erwarten."

Robrecht, Josef (1996): Kann man heute noch initiatisch leben? Die religiös-spirituelle Dimension in der Rütte-Arbeit. Vortrag auf dem Kongreß "100 Jahre Graf Dürckheim. Im Zeichen der Wandlung":

"Die religiös-spirituelle Dimension in der Rütte-Arbeit" – dieser Untertitel zu den nachfolgenden Überlegungen könnte vielleicht den fälschlichen Eindruck erwecken, als sei die therapeutische und WEG-begleitende Arbeit, die in Rütte gewirkt wird, aufspaltbar in verschiedene Dimensionen. Eine dieser Dimensionen sei dann die religiös-spirituelle. Mit einer solchen Aufspaltung würde aber genau jener Fehler begangen, unter dem meines Erachtens weite Bereiche heutiger seelenheilkundiger Arbeit am Menschen leiden.
Demgegenüber möchte ich aufzuzeigen versuchen, inwieweit mir im Kontext der Rütte-Arbeit eine nie gekannte Intensität des Sehnens nach Ganzheitlichkeit entgegenkommt, ein Hungern und Dürsten nach einer Unversehrtheit, die jenseits aller Spaltungen, Kerbungen, Brüche des Lebens erahnt, erhofft, manchmal auch erfleht wird. Daß diese Unversehrtheit religiös-spirituellen, vielleicht göttlichen Charakters sei, mag dann kaum mehr recht ausgesprochen werden wollen; dennoch ist der so benannte Charakter eine mir persönlich entscheidend wichtige Gültigkeit. Doch gestatten Sie mir zunächst einige hinführende Bemerkungen:

Kann man heute noch initiatisch leben? Bekanntlich hat Karlfried Graf Dürckheim "initiatisch" übersetzt mit "das Tor zum Geheimen öffnen". Er führt weiter aus: "Was ist das Geheime? Das sind wir selbst in unserem tiefsten Kern, in unserem Selbst, in unserem Wesen. Mit 'Wesen' meinen wir hier die Weise, in der das überweltliche göttliche Sein in jedem Menschen in individueller Weise anwesend ist und in ihm und durch ihn hindurch manifest werden möchte in der Welt: in der Weise, die Welt wahrzunehmen, zu gestalten und zu lieben." (Dürckheim, K. Graf (1982): Der zielfreie Weg. Der Mensch auf dem initiatischen Weg. In: Dürckheim, K. Graf (Hrsg.): Der zielfreie Weg. Im Kraftfeld initiatischer Therapie. Freiburg: Herder, S. 11.)
Historisch hat Dürckheim den Begriff "initiatisch" vermutlich von Julius Evola entlehnt. Dieser jedoch glaubt die initiatische Dimension einem geheimbündischen Elitekreis auserwählter Eingeweihter vorbehalten und nur durch die Praxis konkreter magischer Riten zugänglich. Demgegenüber ist in Dürckheims Verständnis potentiell jeder Mensch angesprochen. Jedem ist ein tiefster Kern, ein innerstes Selbst, ein Wesensgrund zu eigen. Und jeden Menschen kann ein Sehnen durchdringen, in Verbindung kommen zu dürfen mit diesem geheimnisvollen Innersten und von dort gespeist die Welt erkennend und liebend zu gestalten.
Aber können wir uns das heute noch leisten? Ist das heute noch gefragt, noch möglich? Besteht nicht die Gefahr einer hoffnungslosen Weltferne für einen die Nähe zu seinem tiefsten Kern suchenden Menschen?

Auf einer Zugfahrt nach Norddeutschland machte ich vor einigen Wochen ein kleines Experiment: Während eines Zeitraumes von ca. 5 Minuten waren unter den vorbeiziehenden Häusern nur wenige auszumachen, die nicht auf dem Dach oder an einer Seitenfront mit mindestens einer Satellitenschüssel ausgestattet waren. Sie kennen diese Empfangsantennen, mit deren Hilfe die Strahlkraft einer etwas anders gearteten überweltlichen Dimension, nämlich die eines Satelliten, in jedem Wohnzimmer manifest werden und in dem Bildschirm und durch ihn hindurch aufscheinen kann. Bezeichnenderweise nennt eine Firma ihre Antennen: "Satan", wobei "Sat" für "Satellit" steht und "An" für "Antenne".
Ist das nicht ein wahrhaft initiatisches Geschehen? Hier ist doch ein Tor zu einer ehemals geheimnisumwitterten Wirklichkeit aufgestoßen worden, die im Grunde ab sofort mit den entsprechenden technischen Voraussetzungen für jedermann und jede Frau zugänglich ist. Im Grunde handelt es sich um die individuelle Teilhabe an einem weltumspannenden, auch überweltlich dimensionierten System. Dieser Satz liegt verführerisch nah an Dürckheims Verständnis vom Geheimen und von der individuellen Manifestation des überweltlichen Seins.

Meines Erachtens kann die in mancherlei Hinsicht schwierige Situation des heutigen Menschen aus zahlreichen weiteren Blickrichtungen betrachtet werden. Ich möchte hier nur einige Aspekte stichwortartig ansprechen:
Wir leben politisch in einer Zeit voller Vibrationen. Dabei stehen nicht nur die Kriege in Tschetschenien, im ehem. Jugoslawien oder im Kurdengebiet im Brennpunkt; auch die gesellschaftlichen Spannungen in unserem eigenen Land, zwischen Ost und West, sind unübersehbare Indikatoren problemgeladener Verhältnisse.
Wir leben geistig in einer Zeit sich auflösender Orientierungskategorien. Wohl kaum jemand unter uns wird in der Lage sein, geistige Kategorien oder sinnstiftende Werte zu benennen, die von einer breiten Mehrheit als allgemeingültig verbindlich und erstrebenswert anerkannt würden.
Wir leben seelisch in einer Zeit verwirrender und nicht selten selbsttäuschender Vielfalt. Der magische Glanz angeblich glücklich machender Produkte ist immer wieder neu in der Lage, die sehnende Seele zu betören und in seinen Bann zu ziehen. Am Ende aber bleiben ein schales Gefühl und eine jetzt erst recht quälende Unerfülltheit in der Tiefe zurück.
Wir leben körperlich in einer Zeit zunehmender oder vielleicht "nur" offensichtlich werdender Unsicherheiten und Bedrohungen. Wer kann sich noch mit ruhigem Gewissen einer notwendigen größeren Operation unterziehen, bei der er vielleicht auf die Transfusion von fremdem Spenderblut angewiesen ist? Bei zahllosen Nahrungsmitteln weiß man inzwischen oder muß es zumindest befürchten, daß sie chemisch gespritzt, mit Antibiotika gedopt, BSE-verseucht oder gen-verändert sind.
Und schließlich: Wir leben materiell in einer Zeit wegbrechender Sicherungssysteme. Unser Sozialstaat kämpft derzeit um die finanzierbaren Inhalte seines eigenen Namens. Die Generation der heute 30- und 40jährigen wird sich vielleicht mit der Frage befassen müssen, ob zukünftig noch mit einem funktionierenden Rentensystem zu rechnen sein wird.

Ich möchte drei Menschen zu Wort kommen lassen, die in Erstgesprächen ihre Beweggründe dargelegt haben, um einen Aufenthalt in Rütte nachzufragen:
Eine 59jährige Frau äußert sich etwa so: "Ich habe in den zurückliegenden Jahren, ausgelöst durch die Trennung von meinem Mann und eine anschließende Krebsoperation, schon sehr viel für mich getan. Ich habe Kurse besucht, Bücher gelesen, an meinem inneren Kind gearbeitet. Doch seit einiger Zeit spüre ich, daß es eigentlich noch viel grundsätzlicher um die Fundamente meines Lebens geht. Und auf diesem neuen Weg brauche ich Begleitung, damit ich nicht irgendwo steckenbleibe oder mich verrenne. Ich brauche eine neue Perspektive für meine Seele und für meinen Alltag."
Und ein 28jähriger Mann sagt: "Es hat einen massiven Einbruch in meinem Leben gegeben. Ich weiß nicht, woher und warum er kam; mehrere Wochen konnte ich nur sehr schlecht schlafen. Es war eine grenzenlose Verunsicherung dem Leben gegenüber, eine Zeit des Leidens, des Fragens, eine Zeit der Panik. Ich weiß mit meinem Leben nicht mehr weiter, manchmal verfluche ich es sogar. Wenn es einen Ort des Friedens in mir gibt: wie kann ich ihn finden? Wie kann ich bei mir ankommen, Vertrauen in meine Lebenskraft gewinnen?"
Und eine 35jährige Frau formuliert etwa folgendermaßen: "Ich befinde mich an einer Weg-Scheide auf meinem Lebensweg. Das Alte ist nicht mehr gültig, und das Neue greift noch nicht recht. Ich bin im Grunde ein sehr ängstlicher Mensch und habe wohl auch viele Existenzängste. Ich möchte mich gerne verändern, mit mehr Ruhe und Gelassenheit ins Leben und in mich hineinschauen. Vor allem fehlt mir das Gefühl, getragen zu sein, mich auf einen stabilen Grund hin loslassen zu können. Ich möchte lernen, mit den Dingen des Lebens und vor allem auch mit mir selbst anders umzugehen."
Soweit diese drei Gesprächsausschnitte. Sie mögen veranschaulichen, daß hier Menschen aus ihrem jeweiligen ganz konkreten Lebensalltagskontext heraus sprechen. Vermutlich haben sie über schon einen längeren Zeitraum hinweg in vielen kleinen Lebenssituationen die Erfahrung gemacht, daß es so nicht mehr weitergeht; etwas in ihrem Leben hat sich geändert oder auch etwas muß sich ändern. Alle drei stellen eine grundsätzliche, umfassende Frage: Was ist die innerste Mitte meines Daseins? Wo ist der tiefste Grund meines Existierens? Wie finde ich zum wahrhaftigen Wesen meinerselbst?
Es ist das Wahrnehmen, das Ernstnehmen dieses sehr grundsätzlichen Suchens, was heute dringender denn je notwendig ist.
Gerade
angesichts der heutigen Welt- und Zeitsituation gilt für viele, daß sie die zahlreichen Einzelfacetten ihrer alltäglichen Lebensgestaltung entspringen und einmünden erleben aus dem bzw. in das umfassende Thema des Lebensgrundes. Hier ist der Wurzelraum angesprochen, der in rechter Weise bereitet sein muß, damit Stamm und Krone der sich entfaltenden Lebensgestalt in ihm beheimatet sein können – auch innerhalb der wechselhaften Witterungsumstände des Lebensalltages.

Im folgenden möchte ich einige Strukturelemente initiatischen Lebens ansprechen, wie sie mir aus der Begegnung mit zahlreichen Menschen in Rütte entgegengekommen sind.


Strukturelemente initiatischen Lebens - mögliche Hinweise auf dem WEG

Die initiatische Sicht vom Menschen und von der Welt ist eine mögliche unter vielen anderen. Wenn ich also hier von "dem Menschen" spreche, so ist niemand vereinnahmt, sondern nur derjenige gemeint, der bei dem Gesagten eine Resonanz in sich verspürt. Über das Sein des Menschen läßt sich nicht mit Argumenten diskutieren. Jeder wird sich dort beheimatet fühlen, wo er eine bestätigende Ahnung in sich wahrnimmt, vielleicht auch einen Schmerz, weil eine verschüttete Sehnsucht plötzlich aufbricht. Für mich ist der initiatische Mensch ein solcher Klang.

Nun also ein erstes grundlegendes Element: Der Mensch ist in dieser Welt, aber er ist nicht von dieser Welt. Nur wenn er seines auch himmlischen Ursprungs eingedenk bleibt, kann er unter Wasser atmen.
Es gehört zu den revolutionierenden Aspekten im Werk von Karlfried Graf Dürckheim und Maria Hippius-Gräfin Dürckheim, daß der "Grenzgänger des Lebens", der "Borderliner" sich als Paradigma einer initiatischen Prägung herausstellen durfte. Wer aber ist ein solcher initiatischer Borderliner? Im Grunde ist es jeder, der in sich die Frage kennt, ob all das, was gewöhnlich seine alltägliche Lebensgeläufigkeit ausmacht und tagein, tagaus geschieht, ob das denn alles sei, worum es in der Vieldimensionalität menschlichen Daseins gehen könne. Die Antwort auf diese Frage mutet zunächst und immer wieder ein gehöriges Maß an Heimatlosigkeit zu; denn auch oder sogar eigentlich in einer anderen als der uns greifbaren Welt beheimatet zu sein, läßt das Uneigentliche und den Exilcharakter inmitten des Greifbaren nicht länger verheimlichen. Und das mag den Atem stocken lassen. Wem bislang schon das Wasser bis zum Halse reichte, dem mag es nun erst recht über dem Haarschopf zusammenschlagen. Wer bislang schon immer mal sich wie von einem anderen Planeten stammend empfand, erfährt die vielleicht beunruhigende Bestätigung, daß dem auch so ist. Allerdings ist im Unterschied zur Raumfahrt die initiatische Heimfindung durch keine noch so ausgefeilte High-Tech zu bewerkstelligen. Im Gegenteil kann der ins Wasser Geworfene eigentlich gar nichts "machen". Oder doch: Er kann sich dem Prozeß widersetzen und versuchen, auch weiterhin obenauf zu bleiben. Der Schmerz der Oberflächlichkeit und des vermißten Tiefgangs werden aber schon bald eine neue Aufforderung sein, sich diesem "todsicheren" Grenzgeschehen zu stellen. Denn wer nach dem fragt, was hinter der Alltagsvordergründigkeit waltet, wer also um seine auch überweltliche Beheimatung wissen will, der muß damit rechnen, mit einer Erlebniswirklichkeit in Berührung zu kommen, die alles Eingrenzende, Beschränkende und Verzerrende sprengt und manches Bisherige als nicht mehr haltbar über den Haufen wirft. Der dann vielleicht noch geäußerte Einwand: "Ja, also so hatte ich mir das eigentlich nicht vorgestellt!" kann – hoffentlich – nichts mehr aufhalten.
Und wer bereits in Atemnot geraten ist, darf möglicherweise erfahren, daß in grundsätzlicher Weise Hand an ihn gelegt ist – verwandelnd, umstülpend, rückbindend und alle Barrieren aus dem Weg räumend, die das Aufstrahlen seiner innersten Quelle eingetrübt hatten. Daß ein solcher Weg Durchhaltevermögen und stützendes Geleit braucht, sei hier erwähnt – später dazu mehr.

Ein nächster Aspekt des Initiatischen könnte folgender sein: Wenn der Mensch nicht verlernt, die Geschehnisse seiner Außenwelt einen Moment lang als Spiegelungen seiner Innenwelt zu betrachten, können sich ihm neue Perspektiven der Handhabung und Beantwortung erschließen.
Wohlgemerkt: einen Moment lang! Aber ich glaube, wenn wir die aus der Alchemie bekannte Analogie zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos, zwischen Innen und Außen für einen Augenblick bis in unsere konkrete Lebenswirklichkeit hinein gelten lassen, öffnen sich andere Erkenntnisräume: Unfaßbare, jenseits aller Verstehensgrenzen liegende Geschehnisse im Außen erscheinen als Verkörperungen innerseelischer Prozesse. Die makrokosmische Weltenseele durchlebt ähnliche Entwicklungen wie die mikrokosmische Menschenseele. Allemal auf einem initiatischen Weg ist die Menschenseele vertraut mit innersten Kämpfen zwischen unterschiedlichen Impulsen, zwischen gegnerischen Parteien, die sich gegenseitig auszulöschen versuchen. Alle kompromißwilligen Versöhnungsbemühungen scheitern; mitunter erlebt der Mensch diesen Prozeß, wie wenn er mehrere Tode zu durchschreiten hat. Besonders konflikthaft wird es, wenn nicht nur ein Kampf im Innen, sondern auch zwischen Innen und Außen entfacht. Die Forderungen des Außen und diejenigen des Innen sind vielfach einfach nicht unter einen Hut zu bringen. Alles verzweifelte Schreien nach dem Warum nützt nichts. Der Kampf muß sein, weil sich in ihm die Geburtswehen einer dahinterliegenden neuen Formgültigkeit verstofflichen. Und jeder, der davon betroffen ist, wird sich prüfen, ob er mehr ein kontemplativer oder mehr ein apostolischer Geburtshelfer für diesen seinen eigenen Prozeß ist. Ich bin froh um diejenigen Menschen, die es als Auftrag ihrer Inbildkraft erleben, in die Krisengebiete der Welt hineinzufahren, um vor Ort, innen wie außen, Hand anzulegen; oder die sich aufgefordert wissen, in politischen, sozialen, kirchlichen Organisationen apostolisch mitzuwirken.
Als Bild des kontemplativen Geburtshelfers möchte ich die Geschichte vom Regenmacher anführen: "In einem Dorf hatte es lange nicht geregnet. Alle Gebete und Prozessionen hatten nichts genützt, der Himmel blieb verschlossen. In der größten Not wandte sich das Dorf an den Großen Regenmacher. Er kam und bat um eine Hütte am Dorfrand und um Brot und Wasser für fünf Tage. Dann schickte er die Leute zu ihrer täglichen Arbeit. Am vierten Tag regnete es. Die Menschen kamen jubelnd von ihren Feldern und Arbeitsplätzen und zogen vor die Hütte des Regenmachers, um ihn zu feiern und nach dem Geheimnis des Regenmachens zu fragen. Er antwortete ihnen: 'Ich kann keinen Regen machen.' 'Aber es regnet doch', sagten die Leute. Der Regenmacher erklärte ihnen: 'Als ich in euer Dorf kam, sah ich die äußere und innere Unordnung. Ich ging in die Hütte und brachte mich selber in Ordnung. Als ich in Ordnung war, kamt auch ihr in Ordnung und als ihr in Ordnung wart, kam auch die Natur in Ordnung, und als die Natur in Ordnung war, hat es geregnet'."
"Sich selber in Ordnung bringen" – die Wege dorthin sind sehr verschieden; hineingesprochen in das "Innen wie außen und außen wie innen" mag sich vielleicht ein neues Verstehen auftun.

Einen weiteren, mir wichtig erscheinenden Aspekt des Initiatischen möchte ich ohne weitere Kommentierung nennen dürfen: Wenn der Mensch nicht verlernt, inmitten der Gestaltung seines Lebens hin und wieder den Tag seines Todes zu bedenken, durchströmt ihn der Klang eines vertieften Daseins.

Der folgenden initiatischen Strukturkomponente haftet der Geschmack des Paradoxalen an: Der heutige Mensch hat sich zu wenig und zugleich zu sehr in den Mittelpunkt seiner Bemühungen gestellt.
Trotz oder auch wegen der farbenprächtigen Vielfalt unserer Lebensumstände, die sich nicht selten in ihrer Grelligkeit gegenseitig zu überschreien versuchen, leiden wohl immer mehr Menschen darunter, daß sie in ihrer unverwechselbaren Individualität in dieser Welt kaum noch recht vorkommen, daß sie sich in ihrem tiefsten Kern, ihrem innersten Selbst nicht mehr gemeint spüren können. In der Perfektionierung der computertechnischen Ersetzbarkeit sind wir nicht nur dabei, zahlreiche Arbeitsplätze wegzurationalisieren; der in vielen Bereichen unübersehbar segensreiche technische Fortschritt hat auch dazu geführt, daß die Seele in diesen digitalen Welten keine Bleibe mehr gefunden hat. Still und heimlich ist sie vielerorts ausgezogen, was im Lärm der intellektgesteuerten Maschinerie lange Zeit kaum auffällt. Hier hat der Mensch sich selbst aus dem Auge verloren; zwar hat er unzählige, Staunen erregende Ermöglichungen errungen, allerdings mußte man an den Fahrkarten- und Informationsschaltern der Bahnhöfe noch nie so lange warten wie seit der Einführung der computergesteuerten Fahrkartenausgabe.
Zugleich müssen wir wohl auch achtgeben, daß wir uns nicht zu sehr in den Mittelpunkt unserer Bemühungen stellen. Die Suche nach eventuell noch vorhandenen Marktlücken tatsächlicher oder gegebenenfalls auch suggerierbarer Lebensbedürftigkeiten kann doch rasch zu einer gefangenmachenden Selbstumkreisung führen. Hier droht Gefahr, daß Selbstverwirklichung steckenbleibt im mehr und mehr sich aufblähenden Kreislauf von Bedürfnis und Befriedigung. Ein Anklang hierzu ist das alte Sprichwort: "Sobald ein Wunsch erfüllt ist, gebiert er bald darauf viele neue."
Wir wissen, wie sehr im Mittelpunkt des Werkes von Graf Dürckheim und Maria Hippius der Mensch gestanden ist, wie sehr initiatisches Arbeiten um den Menschen kreist; und zwar so sehr, daß Dürckheim schreiben kann: "[Auf dem initiatischen Weg] geht es letztlich gar nicht um den Menschen, sondern um das göttliche Sein, d. h. darum, daß dieses Stufe um Stufe ins Innesein treten kann und den Menschen fortschreitend zu einem individuellen und personalen Medium seiner Manifestation verwandelt." (Dürckheim, K. Graf (1986): Der Ruf nach dem Meister. Weilheim: Barth, S. 146.)

Bevor ich auf die konkrete Umsetzung der initiatischen Strukturelemente innerhalb der Rütte-Arbeit zu sprechen komme, möchte ich noch einen letzten Aspekt anführen dürfen: Wenn der Mensch seiner ureigenen Wahrheit auf der Spur bleibt, wird er immer auch in liebender Begegnung mit dem anderen Menschen, mit dem Du verbunden sein.
Vielleicht kommt beim hörenden Spüren auf das hin, was mit einem initiatisch geprägten Leben gemeint sein könnte, der Eindruck auf, daß es sich dabei doch um einen recht individuellen, singulären Weg handelt. Dieser Eindruck trifft zu! Initiation und Individuation sind den Menschen in seiner unverwechselbaren Einzigartigkeit meinende Entwicklungskräfte. Jeder kann und muß seinen eigenen Weg gehen; niemand kann dem anderen in der Tiefe oder auch in der Höhe etwas abnehmen, so daß ihm ein bestimmter Weg-Abschnitt erspart bliebe. Aber: So sehr zwei oder drei je alleine ihren eigenen Weg gehen, so sehr können sie gerade darin miteinander verbunden sein, daß sie einen Weg gehen, daß sie also daran arbeiten, der zu werden, der sie vom Grunde ihres Wesens her sind. Und wie sehr aus dieser Art Weg-Gefährtenschaft, aus dieser Gemeinsamkeit eine Kraft erwachsen kann, weiß derjenige zu schätzen, der in Stunden der Einsamkeit sich daran stärken konnte.
Ein anderes ist das Weg-Geleit, das auf denjenigen Etappen notwendig wird, auf denen der einzelne alleine nicht mehr weiterkommt. Hier bedarf es regelrecht des anderen, des weg-erfahrenen Menschen, auf daß in dialogischer Erweckung neue Orientierung und weiterleitende Führung erwachsen können.
Ein weiteres jedoch ist meines Erachtens das bedeutsamste: Am Grunde oder in der Mitte seiner je eigenen Individualität angelangt, lebt im Menschen das Herz und mit ihm die Kraft der Liebe. Hier, so glaube ich, kann der Mensch gar nicht anders, als sich in dialogischer Bezogenheit durchwirkt zu wissen – auf ein göttliches wie auch auf ein menschliches Du hin. In dieser Liebe steht das Herz als Synonym für eine ganz-menschliche Verfaßtheit; der Mensch ist wesentlich und damit eigentlich geworden. Und aus der Gnade dieser Wesensverankerung heraus gereicht ihm die Begegnung mit dem anderen zu einer gegenseitigen Berührung im Raum der Liebe.
Initiatisches Leben umfaßt – wie Maria Hippius sagt – den Stufengang der Individuation. Dieser Weg der Wandlung kennt Opfer, Tribute, Brückenzölle; er kennt das Betreten neuer Lebensräume, das Entdecken ungeahnter Gestaltungskräfte und das Freilegen individueller Authentizität; und in all dem sucht der Mensch das dialogische Band zu dem, der auch auf dem Weg ist: die communio mit dem Mit-Menschen.

Als Zwischenfazit möchte ich an dieser Stelle formulieren, daß nach meiner Einschätzung vor dem Hintergrund der heutigen und auch zukünftigen Weltentwicklung wir uns ein initiatisches Verstehen von Leben und Sterben, von Leben und Über-Leben, nicht nur "leisten" sollten; vielmehr scheint mir der Bezug auf das Initiatische, die Verankerung im Wesen, das Anhaften am tiefsten Kern immer wieder neu die Voraussetzung und die Grundlage für die Weltgestaltung zu sein.

Das Spektrum initiatischer Strukturelemente ließe sich um ein Vielfaches erweitern. Ich möchte es bei den hier genannten belassen und mich im letzten Teil meiner Überlegungen mit der Frage befassen, wie in Rütte in der täglichen Arbeit mit Menschen Initiatisches konkret wird. Voranstellen möchte ich, daß diese Verwirklichung selbstverständlich nicht an den Ort Rütte gebunden ist; vielmehr geschieht Rütte-Arbeit überall dort, wo initiatische Begleitung des Menschen sich ereignet.


Dimensionen des initiatisch-therapeutischen Arbeitens in Rütte

Die nachfolgende Auswahl von zwölf Dimensionen der initiatischen Arbeit in Rütte ist subjektiv; d. h. sie erhebt keinerlei Anspruch auf Allgemeingültigkeit, geschweige denn auf Vollständigkeit. Vielmehr möchte sie unterschiedliche Blickpunkte beleuchten, die in meiner Wahrnehmung wertvolle Besonderheiten des initiatisch-seelenheilkundigen Arbeitens mit Menschen darstellen. Die Initiatische Therapie tut gut daran, keine allein seligmachende Exklusivität für sich proklamieren zu wollen; das widerspräche sicherlich dem Anliegen ihrer Begründer. Es gibt viele, sehr fruchtbar wirkende psychotherapeutische Konzepte. Nicht selten hat ein Mensch auf der Suche nach dem Zugang zu seiner Mitte bereits das eine oder andere Konzept kennengelernt. Sein ganz persönliches Empfinden von Stimmigkeit wird letztlich den Ausschlag geben, ob beispielsweise der anthropologische Hintergrund der Initiatischen Therapie den Konturen seiner individuellen Selbstwahrnehmung zu entsprechen vermag.

1. Das Bild vom doppelten Ursprung des Menschen bedingt, daß sich initiatisches Arbeiten um die orientierende Ortung des konkreten Menschen innerhalb der individuellen Schöpfungswirklichkeit bemüht.
Das heißt, im Vordergrund steht weniger die Frage: "Was kannst Du? Wo sind Defizite Deines funktionalen Lebensmanagements?", sondern eher: "Wer bist Du? Wo stehst Du im Augenblick innerhalb Deiner Seinswirklichkeit? Wie ist es gekommen, daß Du gerade dort stehst? Welche vielleicht noch gänzlich insgeheime Sinnsignatur ist für Dein Leben gestaltgebend wirksam?"

2. In welcher aktuellen Verfaßtheit auch immer ein Mensch sich befindet, ist gerade diese der Ausdruck der jetzt gültigen persönlichen Seinsform.
In letzter Konsequenz schließt ein solcher Standpunkt aus, einen Menschen als psychisch krank klassifizieren zu wollen. Auch ist hier das Konstrukt von der "Krankheit als Weg" eher unzutreffend. Initiatischerseits ist statt dessen vom "Mensch-Sein als Weg" auszugehen, wobei jedem Weg ganz unterschiedliche Etappen und Formationen eigen sein können. Mögen einzelne von ihnen – gemessen an einer schwer definierbaren Weg-Norm – noch so weit abseits liegen, sind und bleiben sie dennoch die Sprache einer suchenden Seele. Manchen Menschen sind dramatisch dunkle Weg-Abschnitte auferlegt, so daß das Licht der reflektierenden Bewußtseins-Kraft nicht mehr hinreicht, um den Weg zu erhellen. Hier kommen die personellen Begleitmöglichkeiten auch in Rütte mitunter an ihre Grenzen. Ich wage es aber dennoch nicht, selbst in diesen extremen Fällen in struktureller Hinsicht die Begehbarkeit noch so dunkler Weg-Abschnitte absolut auszuschließen.

3. Innerhalb der initiatischen Strukturelemente hatte ich weiter oben vom "stützenden Geleit" gesprochen, auf das sich zu beziehen dem voranschreitenden Menschen ermöglicht sein sollte. In der Begleitung des Individuations-Prozesses liegt wohl das die Rütte-Arbeit am treffendsten charakterisierende Wesenselement. Dem Menschen dort zu begegnen, wo er im Augenblick steht, ihn dort anzu"betreffen", um ihn von dort ausgehend eine gewisse Zeit kundig zu begleiten, erfordert ein wohl nicht unbeträchtliches Maß an fortwährender Prozeßarbeit auf seiten des Begleiters. Man muß als Geleit-Gebender nicht alle Varianten des Schicksals erst selbst durchlebt haben; aber die in der integrierenden Bearbeitung der eigenen Schicksals-Signaturen erwachsende Reife ist das tragende Vertrauens-Fundament, auf das der Geleit-Erfragende sich stützen möchte.

4. Initiatische Prozeß-Arbeit meint die Wiedergewinnung bzw. differenzierende Verfeinerung der leiblichen, seelischen und geistigen Wahrnehmungs-Instanz.
Bekanntlich entschlüsselte Maria Hippius den Begriff "Wahrnehmung" in "Wahrheit-Nehmung" und verwies damit auf die Notwendigkeit, daß der in dieser Hinsicht besonders gefährdete Mensch der Gegenwart dazu angehalten sei, seine leibliche, seelische und geistige "Wahrheit zu nehmen", sein persönliches wie auch überpersönliches Existential tastend zu begreifen. In der konkreten Rütte-Arbeit geschieht dies auf dem Wege vielfältiger sinnenbezogener Erfahrungs-Ermöglichungen; d. h. vor der reflektierenden, manchmal auch abstrahierenden Koppelung an das verstehende Bewußtsein steht die möglichst von jeder kontrollierenden Einengung unbelastete Erfahrung. Und dabei kann Tiefes, Überwältigendes durch scheinbar Simpelstes ausgelöst werden: das Ertasten eines Steines, die schlichte Leib-Gebärde im Raum, der gewagte Kreide-Strich auf dem unberührten Papier, das empfangende Spüren einer Leib-Berührung, der Klang einer zum Schwingen gebrachten Instrumenten-Saite – dieses und anderes kann im Menschen Ursprüngliches verlebendigen und ihn auf den Weg bringen, verlorengeglaubte Impuls-Kräfte wieder wahrzunehmen.
Spätestens hier klingt der übende, exerzitienhafte Tonus der Rütte-Arbeit an. Demnach ist veränderungsentscheidend, inwieweit sich der einzelne einbringen kann in eine übende Gesamthaltung seiner Persönlichkeit, die nach und nach wesensverstellende Blockaden einzuschmelzen imstande ist.

5. Eine ganz besondere Bedeutung in der Rütte-Arbeit kommt dem Leib bzw. dem leibbezogenen Tun zu. Die bei Dürckheim gebräuchliche Erweiterung des "Körpers, den ich habe" hin auf den "Leib, der ich bin" ist ein alle Medien der Initiatischen Therapie durchziehender Prägungsfaden. Die Einleibung oder auch Einverleibung aller göttlich-menschlichen Erfahrungsdimensionen ist der Garant eines bis ins Stofflich-Konkrete hinein konsequenten Individuationsweges. Was der Mensch "am eigenen Leibe" erfahren und durchlebt hat, wird ihn in besonderer Weise zeichnen. Wohl nicht umsonst beginnt unsere Zeitrechnung mit dem leibhaftig gewordenen Gotteswort. Dabei ist meines Erachtens der Leib nicht nur "Tempel des Heiligen Geistes"; vielmehr vereinen sich in ihm unvermischt und ungetrennt Körper, Seele und Geist zu einer neuen Einheit höherer Ordnung. Fortan kann den Menschen nur das wirklich verwandeln, was dieser Komplexqualität seines leibhaftigen Seins zu entsprechen vermag. Und hier ist der Reichtum der verschiedenen initiatisch-therapeutischen Medien kostbar, weil sie eine aus dem Lot geratene Existenzmitte wieder einzubalancieren vermögen – je nachdem, ob "Schlagseite" mehr zum Himmel oder mehr zur Erde hin besteht.

6. Wer sich – aus welchem Ort auch immer innerhalb Deutschlands oder darüber hinaus – zu einem Aufenthalt in Rütte anmeldet, hat eine kürzere oder längere Zeit geplant, aus seinen sonstigen Alltagsbezügen herauszugehen. Er läßt seine Wohnung, seine Familie, seinen Beruf zurück, um für einen Moment seines Lebens quasi in eine andere Welt einzutauchen. Für einige ist allein der Gedanke an einen solchen vorübergehenden Ortswechsel bereits Erholung in sich, nicht wenigen wird eher etwas mulmig zumute, aus der vertrauten Umgebung zeitweilig herauszutreten. Allen gemeinsam ist, daß es zunächst einige Tage braucht, um auch innerlich anzukommen. Auch die in den verschiedenen Städten gewissermaßen "vor Ort" arbeitenden initiatischen Therapeuten werden vermutlich bestätigen, daß es für einen Menschen wichtig sein kann, für eine gewisse Zeit aus seinem Alltagsleben herauszugehen und zusammenhängend Raum und Zeit für sich selbst zu haben.

7. So sehr Rütte ein Ort ist – geographisch wie auch innerseelisch –, an dem der Mensch einkehren und heimkehren kann, indem er sein Heim, sein Alltags-Zuhause verläßt, so sehr ist Rütte aber auch ein Ort, an dem der Mensch all-täglich werden darf – und zwar in seiner absoluten Besonderheit.
Rütte ist eine Schule, eine Stätte der Einübung. Wer den inneren Faden verloren hat, braucht eine Aus-Zeit, um sich wieder einzulernen in initiatische Lebensqualitäten. Hat er den roten oder den goldenen Faden wieder aufnehmen können, so gilt es, denselben einzufädeln in das Gewebe des Alltags-Gewandes. Das heißt, erst die Bewährung im Alltag, ganz gleich, wo dieser sich ereignet, ist die "Probe aufs Exempel", ist also der Erweis, inwieweit sich das im initiatischen Raum Erfahrene bereits individuell inkorporieren konnte. Die verwandelnde Konsequenz ins Alltägliche hinein ist meines Erachtens zugleich das entscheidende Kriterium für die Wirksamkeit und auch die Seriosität jedweder therapeutischen Intervention. Wenn Dürckheim den Alltag als Übung deklariert, so ist das Außergewöhnliche der therapeutischen Aufarbeitung heilsam in das Gewöhnliche des alltäglichen Lebensvollzugs eingearbeitet, mehr noch: im Gewöhnlichen wird die Spur des göttlich Immanenten gesucht!

8. Mit dem Gesagten klingt an, daß initiatisches Arbeiten therapeutische Kompetenz mit religiös-spiritueller Transparenz duchlichtet.
Zweifelsfrei bedarf die WEG-begleitende Arbeit einer profunden psychotherapeutischen Ausbildung. Daß diese Ausbildung in zumeist jahrelanger "Weg-Erfahrung am eigenen Leibe" durchschritten wurde, zeichnet die initiatischen Therapeuten in besonderer Weise aus. Erst unter dieser Voraussetzung ist eine heilsame Übertragung auf den anderen hin möglich und fruchtbar; denn direkt oder indirekt wird in der therapeutischen Konstellation spürbar, ob der zugrundeliegende Fundus nur eine erlernte analytische Methodik oder auch ein bereits durchlebter Eigenprozeß ist. Ideal ist nach meinem Dafürhalten eine gute Kombination aus beiden Aspekten.
Die kundige Handhabung psychodynamischer Vorgänge muß in hinreichendem Maße bewährte analytische "Techniken" – hier gemeint als "Kunstfertigkeiten" – zur Verfügung haben. Die Rütte-Arbeit im besonderen aber geht noch einen wesentlichen Schritt weiter. In der konkreten, tagesbewußten Begegnung zwischen Gast und Therapeut in der sog. "Stunde" geschieht mittels der initiatisch-therapeutischen Medien der Einbezug eines katalytischen Elements. Ob im Geführten Zeichnen, in der Personalen Leibtherapie, der Arbeit mit Tonerde, mit dem Schwert oder wo auch immer: In dem Moment, da sich der Gast mit der ihm jetzt möglichen Sammlung dem katalytischen Geschehen hingibt, kann es geschehen, daß sich der Raum des "Dahinter" auftut. Es ist der Raum oder die Seinsqualität, die "hinter" den zahlreichen, auch problematischen Bedingtheiten des jeweiligen Lebensschicksals liegt. Die Bedingtheiten, Probleme, Nöte, Spannungen, Verstellungen und Verhinderungen sind immer wieder im Gespräch so weit als möglich zu analysieren und aufzuarbeiten. Initiatische Therapie will es aber dabei nicht belassen. Zur erhellenden Analyse tritt bei ihr die erweckende Katalyse, wie Dürckheim sagt; zur erhellenden Auflösung von "Verklebungen", undurchdringlichen Schattenräumen, nebulösen Projektionsschleiern tritt also die erweckende Einlösung, der Sprung auf eine andere, neue Ebene umfänglicher Einheit. Erst hier kommt der Mensch wirklich zu sich, darf sich berühren lassen von der Zusage: "Du darfst sein! Du bist zutiefst in Der Ordnung!" Goethe sagt: "So mußt Du sein!"

9. Die im katalytischen Akt aufgesuchte Berührung mit dem Wesensgrund ist in sich ein religiöses Tun, ohne daß die Frage konfessioneller Zugehörigkeit jemals gestellt werden müßte. In diesem Sinne ist Initiatische Therapie wesensgleich mit der Auferweckung toten oder todgeglaubten Lebens. Da eine solche Wiederbelebung jenseits der natürlichen Gesetzmäßigkeiten aber nur gelingen kann, wenn das gemeinte Leben in seinem Mark getroffen wird, muß Initiatische Therapie in ursprünglichster Bedeutung Kern-Therapie sein. Nucleus heißt es im Lateinischen und bedeutet die im kleinsten Samen-Kern enthaltene Wachstumsinformation und Potentialität für die ausgewachsene Gesamtgestalt. "Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht" (Joh 12,24). Nuklear-Physik z. B. sagt der Naturwissenschaftler und meint die hochdynamischen Prozesse, die sich innerhalb des Atomkerns und in seinem Umfeld ereignen können. Beide Assoziationsaspekte – das Samenkorn und der Atomkern – können und sollen auch mit der Initiatischen Kern-Therapie in analoge Verbindung gebracht werden.

10. Der zeitliche und räumliche Ort, an dem sich diese religiös-psychodynamischen Entwicklungsvorgänge verdichten, ist innerhalb der Rütte-Arbeit schwerpunktmäßig die Einzelstunde. Nach all dem bisher Gesagten mag verständlich werden, warum ich die Einzelstunde mit einem temenos gleichsetze. Religionsgeschichtlich war der temenos ursprünglich der heilige Hain, ein der Gottheit geweihter offener Kultbezirk. Ich muß zu einem solchen Vergleich greifen dürfen, um annähernd umschreiben zu können, welch absolutes existentiales Geschehen sich in einer initiatischen Einzelstunde vollziehen kann. Der den Weg Gehende wie auch der den Weg Begleitende: Beide betreten einen gemeinsamen Raum und eine gemeinsame Zeit, um sich – wenn es ihnen geschenkt ist – von der numinosen Überraumzeitlichkeit berühren zu lassen. Beide mögen aber nicht vergessen: Oft bedarf es einer beiderseits schweißtreibenden Arbeit, um mit der Schaufel oder auch mit bloßen Händen schattenverschüttete Zugänge zum Wesenskern frei zu legen.

11. Einen weiteren Anklang an die religiös-spirituelle Dimension der Rütte-Arbeit sehe ich in dem Christus-Wort (Mt 18,20): "Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen." In der initiatisch-therapeutischen Einzelstunde kommen zwei Menschen zusammen; nennen wir sie hier "Therapeut" und "Gast". Sie arbeiten an der vom Gast eingebrachten Existenzsignatur unter Zuhilfenahme der vom Therapeut einzubringenden prozesskundigen Kompetenz. Das ist gewissermaßen die therapeutische Dimension der Rütte-Arbeit; initiatisch ist sie, indem sie in die größtmögliche Bedeutungstiefe des griechischen Herkunftswortes therapeuein vorstößt: "behandeln", "heilen" und dann eben "dienen".
Initiatische Therapie ist der Dienst am ganz Anderen, ist Gottes-Dienst im Menschen-Dienst, ist Wegbegleitung für das Überweltlich-Göttliche im Menschen-Kern. So gesehen kann Initiatische Therapie gar nicht anders als auch religiös-spirituell zu sein – nicht in bekennenden Glaubens-Worten, sondern vielleicht eher in Momenten der gemeinsamen Stille, im schweigenden Horchen.

12. Letztlich ist es inmitten des ganz Einen Menschen dieses ganz Andere, das das eigentlich Heil-Machende beinhaltet. Letztlich ist es das innerste Heil-Sein des Menschen, zu dem vordringen zu dürfen das Feuer unserer Sehnsucht ist.

Dr. Dr. Josef Robrecht
Dipl.-Psychologe, Dipl.-Theologe
Psychol. Psychotherapeut, Supervisor
Lehrtherapeut, Selbsterfahrungsleiter
Psychoanalyse, Verhaltenstherapie,
Initiatische Therapie, Tiefenpsychologe
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