Geführtes Zeichnen

Dürckheim, Karlfried (1976): Meditieren - wozu und wie? Die Wende zum Initiatischen. Freiburg: Herder, S. 216ff:

"Zum Ganzsein des Menschen gehört die Unverstelltheit seiner schöpferischen Kräfte. Seit langem hat die Psychotherapie erkannt, daß das Entbinden schöpferischer Kräfte ein wesentlicher Faktor des Heilens ist. So finden immer mehr das Schöpferische im Menschen entbindende Praktiken Eingang in die Psychotherapie. Praktiken, die vor allem den spontanen Ausdruck zulassen, so als Improvisation im Tanz, als freies Malen, Zeichnen und Modellieren und auch im Musizieren. Dabei geht es nicht um eine gewollte Formung, nicht um eine ästhetisch gezielte Gestaltung, sondern um die spontane Bewegung, die den im Unbewußten gebundenen Kräften erlaubt, frei hervorzukommen und einen erlösenden Ausdruck zu finden. Der Sinn solcher Praktiken ist die Entbindung ursprünglicher Lebensgaben, deren Verhinderung die natürliche Entwicklung des Menschen verstellt. Tiefer angesetzt vermögen solche Praktiken neben der Befreiung gestauter Fülle das formierende Prinzip menschlicher Ganzheit zu befreien, so daß echte Kreativität entsteht.
Es ist beim Hinführen zu schöpferischer Gestaltung ein Unterschied, ob man den Sinn solchen Bemühens in einer fortschreitenden Fähigkeit zum Schaffen auch objektiv gültiger Formen sieht oder aber diese in den Dienst der Selbstwerdung stellt. Das rechte Tun wird dann zum Medium des Werdens und erhält initiatischen Charakter. Solches Bemühen findet seine Krönung, wo es gelingt, die Entbindung unentwickelter oder unbewußter Kräfte des immanenten transzendenten Kernes wachzurufen. Die Erfahrung lehrt, daß gestalterische Möglichkeiten ihrer Ursprungsnähe wegen mehr als andere Leistungspotentiale zu Erlebnissen führen können, in denen der Übende sich selbst in der Tiefe seines Wesens erfährt. Die Voraussetzung dafür ist freilich, daß es ihm um dieses "Schmecken" der Wahrheit geht oder er in einer Weise angeleitet wird, die solcher Erfahrung förderlich ist.
Eine Methode von exemplarischer Bedeutung ist das von Maria Hippius im Lauf vieler Jahre auch aus dem Umgang mit der Graphologie entwickelte "Geführte Zeichnen".
In unveröffentlichten Texten findet es sich so ausformuliert: "Eine Methode des Zeichnens, die einem Setzen von Zeichen ähnelt. Die Instruktion legt es nahe, den Übenden planmäßig in Fühlung mit seinen männlichen und weiblichen Potentialen zu bringen und sie in ihrer verschiedenartigen Qualität auch zu unterscheiden. Es handelt sich um eine meditativ-aktive, evokative Methode, die den Übenden veranlaßt, vor-bildliche Ur-Gebärden des Seins (gleich 'Formeln' der Form, zu sein) 'in die Sinne zu nehmen'. Dabei kann der Schüler einen Prozeß gradweiser Weg- und Selbsterkenntnis durchlaufen, wobei sich sowohl sein Selbstbewußtsein als seine sinnliche Wahr-Nehmungsfähigkeit ausdifferenzieren. Die Methode läßt zu, verborgene Energien, Zeugen der Fülle und potentieller Gestalten, aus dem Unbewußten auszulösen und dann zu integrieren.
Das Prinzip, das dieser Art 'initiatischer Wegführung' zugrunde liegt, ist das folgende: Alles Geschaffene, so auch der Mensch, lebt und wird Gestalt unter der Wirkkraft von Bewegungen, durch die sich das Sein in vielgestaltiger Mannigfaltigkeit offenbart. Es gibt urbildliche Weisen, zu sein. Sie stecken keimhaft in uns. Ich kann sie wecken und werde dabei echter, voller, unbefangener, spontaner. Girlande und Arkade zum Beispiel - aus der Aufteilung des Kreises in waagerechter Richtung als Form herausgelöst - oder deren lineare Verbundenheit in der Wellen- oder Schlangenlinie, sind Formeln zu Formen, sind Urgebärden des Seins. Sie drücken ein Offensein, ein Empfangen aus oder - gegensätzlich dazu - ein sich Verbergen, sich Verschließen. Die Welle ist Sinnbild der Verwandlung im Auf und Ab von Zeit und Ewigkeit.
Weitere Urformen sind Spirale und Lemniskate, überhaupt die kreisenden Linienbewegungen. Diese mehr weichen, fließenden, unbegrenzten Formen haben vorwiegend weiblichen Charakter. ihnen gegenüber haben die geraden Linien und eckigen oder begrenzenden Formen männlichen Charakter. Sie erscheinen als Senkrechte, Waagerechte, Pfeillinie, Strahl, als Winkel, Kreuz, Stern, Dreieck, Quadrat, 'schwingende Geometrie' oder Punkt.
Der Übende erhält die Aufgabe, solch formelhafte Modelle ein- oder zweihändig auf kleinere oder größere Bogen Papiers zeichnerisch zu wiederholen - bis zur vertiefenden Eigenläufigkeit des Vorgangs. Der zunehmende Einfleischungsprozeß, das Innehaben der eingeübten Urzeichen vermittelt eine sichtbar werdende Geläufigkeit und Selbstverständlichkeit, auch einen Gewinn an Bewegungs- und Formsicherheit. Die Folge ist, daß die automatisierte Wiederholung bestimmter Züge auch das Innere des Menschen ergreift und sich dabei differenziert, so daß sich über das 'primäre' Tun hinaus eine schöne und individuierte Zeichensprache ergibt, die dann auch einen künstlerischen Rang gewinnen kann.
Solches Zeichnen führt - und dies ist sein eigentlicher Sinn - zu einer Selbsterfahrung und möglicherweise auch zu Vollzügen, die eine persönliche Wandlung einleiten können. Ihr archetypischer Charakter setzt vielfach eine höher potenzierte Erlebnislage ('Kraftbündelung') frei. Oder sie ermöglicht 'Aha'-Erlebnisse, die zu einleuchtenden Wendepunkten werden, indem sie Wesens- und Seinsqualitäten bewußtseinsnahe machen.
Die Manifestation des schöpferischen Wesenkernes führt, wo der Übende am Zeichnen bleibt, zu dem gestalterischen Ausdruck einer Ab-ovo-Entwicklung. Der graphische Niederschlag eines Durchbruchs zum Kern und ein 'Neuwerden' aus ihm findet in der Zeichnung einen evidenten Ausdruck. Es ist, als arbeite ein geheimer Baumeister 'am Plan', und die Architektur der Seele und deren weisheitsvolles Kräftespiel tut sich unverkennbar hervor. Die Erfahrung dieser geheimnisvollen Wirkkraft bringt die Möglichkeit einer Selbstgestaltung mit einfachen und didaktisch zuverlässigen Mitteln zum Bewußtsein. Spontan erfährt der Übende die lösende und formierende Kraft des Kerns, wenn er lernt, durch die Rückgebundenheit an die Licht- und Schattenseiten seines Unbewußten mit seinen eigentlichen Kräften 'ins Spiel' zu kommen. Vorgänge dieser Art finden in überschaubaren Bildfolgen ihren sichtbaren Niederschlag. Sie geben einen Überblick über den Weg, den man genommen, den Ursprung und die Metamorphosen der psychischen Kraft.
Das Zusammenspiel von nüchtern-heiligem, exerzitienmäßigem Tun und dem, was aus der Tiefe in die Wahrnehmung kommt und Ereignis wird, dient der bewußten Entfächerung der Komplexität des seiner selbst zunächst noch nicht bewußten Menschen. Es kann sich ein Weg- und Gestaltgewissen in ihm bilden, und er kann das anwenden lernen, was ihn im Grunde bestimmt."
Eine Leistung in den Dienst des Werdens statt in den Dienst des Werkes zu stellen, ist ein Prinzip, dessen Anwendung auf dem initiatischen Weg in ein weites Feld der Möglichkeiten führt. Dazu gehören alle Bereiche werkbezogenen und künstlerischen Tuns.
Eine besondere Möglichkeit bietet, wie das Malen und Zeichnen, der freie Umgang mit Ton-Erde. Wo dieses Tun, statt auf ein vorgestelltes Gebilde zu zielen, den Händen freien Spielraum läßt, kann das Handhaben der Ton-Erde in initiatische Tiefe führen. Über das Hervorkommen von Gebilden, die verdrängte Kräfte ausdrücken, hinaus können archetypische Formen ansprechen bis hin zum Anklingen des metaphysischen Wesens.
Aber auch, wo die Arbeit mit Ton-Erde dem Schaffen eines gültigen Werkes dient, kann diese in einem Sinn vollzogen werden, der, insbesondere wo die Wiederholung gleichförmiger Bewegungen eine entscheidende Rolle spielt, initiatische Bedeutung erlangen kann - dort nämlich, wo vollendete Technik im initiatisch Gepolten der kreativen Bewegung einen numinosen Charakter verleiht. Voraussetzung ist auch hier, daß der Schaffende nicht nur sein Werk, sondern sein inneres Werden ernst nimmt."
Dr. Dr. Josef Robrecht
Dipl.-Psychologe, Dipl.-Theologe
Psychol. Psychotherapeut, Supervisor
Lehrtherapeut, Selbsterfahrungsleiter
Psychoanalyse, Verhaltenstherapie,
Initiatische Therapie, Tiefenpsychologe
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